Rahmenprogramm

Franziskanerklosterkirche in Wittenberg, Foto: Apl. Prof. Dr. Peter M. Jehle, Lutherstadt Wittenberg

Im Rahmen der Jahrestagung IMSA 2018 können Sie die alte Franziskanerklosterkirche am Stadthaus Wittenberg besuchen.

Die Ticketbuchung kann bei der Online-Anmeldung erfolgen.
Preis pro Person: 2,00 €

Die Franziskanerklosterkirche
auch „Historische Stadtinformation“ genannt

Die ehemalige Franziskanerklosterkirche liegt am heutigen Arsenalplatz in der Lutherstadt Wittenberg. Der Name des Ortes erinnert an eine frühere militärische Nutzung. Als die Stadt noch von einer Stadtmauer umgeben war, schloss dieses Gebiet die Stadt Richtung Norden ab. Die Bombardierung im Jahre 1760 während des Siebenjährigen Krieges führte zur vollständigen Zerstörung einiger Straßenzüge vor allem in diesem Stadtteil. Ein Wiederaufbau der untergegangenen Gebäude fand nicht statt, die Brandstellen wichen nur leeren Plätzen. Noch 1825 wurde von den Brandstellen am Zeughaus respektive am Arsenal gesprochen. Unter Arsenal verstand man den Artillerieschuppen an der Klostergasse, errichtet auf den Grundmauern des ehemaligen Franziskanerklosterkirchengebäudes. Der Name dieses Gebäudes hat sich auf das ganze Gebiet übertragen. Die Entfestigung der Stadt, eingeleitet 1873, führte dazu, dass das ehemals den nördlichen Stadtrand bildende Areal in der Mitte der Stadt zu liegen kam. Die militärische Nutzung indes wurde erst in den 1990er Jahren, kurz nach der Wiedervereinigung beider deutschen Staaten, aufgegeben, als die russischen Truppen abzogen.

Die Bebauung dieses Stadtteils setzte im 13. Jahrhundert ein, indem der Stadtherr dem Franziskanerorden es zur Bebauung und Nutzung übertrug. Dieser errichtete auf dem großen Gelände im Norden der Stadt und begrenzt von der Stadtmauer, ein Kloster. Der Stadtaus- und -aufbau steht in enger Wechselwirkung zur Etablierung eines Herzogshofes und zur Entwicklung des Franziskanerklosters.

Die Stadtherrschaft oblag dem seit 1212 regierenden Albrecht I. aus der Dynastie der Askanier. Er war in der Leitung des Herzogtums Sachsen seinem Vater Bernhard gefolgt, dem im Jahre 1180 aus der Hand des Kaisers und Königs Friedrich I., genannt Barbarossa das Territorium zum Lehen gegeben worden war – das Rechtssystem im Mittelalter basierte auf dem Beziehungssystem der Menschen zueinander, geregelt wurde es vom Lehnswesen, die Struktur spiegelte sich wider in der Ständeordnung. Barbarossa zählte zum Geschlecht der Staufer und war das Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches. Herzog Albrecht I. von Sachsen vermählte sich in dritter Ehe mit Helena, Tochter des Welfenherzogs Otto I. Mitte des 13. Jahrhunderts zog Helena an den Hof zu Wittenberg; heute befindet sich an der Stelle der Burg der Askanier das Schloss.

Helena gilt als Gründerin, auch Stifterin, des Franziskanerklosters in Wittenberg. Ihre Intention war die Errichtung einer Grablege und die damit einhergehende geistliche Fürsorge für die Familie. Anders als die askanischen Verwandten in Brandenburg wandte sie sich für diese Aufgabe nicht an den Zisterzienserorden, sondern an den noch jungen Franziskanerorden, der erst ein halbes Jahrhundert zuvor die päpstliche Erlaubnis, als Orden zu fungieren, erhalten hatte. Helena muss den Franziskanerorden gekannt haben, war sie doch in erster Ehe mit Hermann II., Landgraf von Thüringen verheiratet gewesen. Ihr Gemahl war der Sohn von Elisabeth von Thüringen (1207 - 1231). Die Landgräfin von Thüringen wurde 1235, nur wenige Jahre nach ihrem Tod, von Papst Gregor IX. zur Heiligen erhoben; sie verfolgte ihr kurzes Leben lang dem Armutsideal zu entsprechen, das Franz von Assisi (um 1181 – 1226) und seine Anhänger, die Franziskaner, predigten und lebten. Elisabeth unterstützte maßgeblich die Errichtung eines Klosters nahe der Wartburg bevor sie diese verlassen musste (1227). 1228 legte Elisabeth in Eisenach bei den Franziskanern ihr Gelübde ab, bis heute gilt sie – neben Clara – als Patronin des Ordens. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass Helena, die Schwiegertochter der Heiligen Elisabeth, sich für
die Einrichtung einer fürstlichen Grablege an diesen Orden wandte.

Das Kloster der Franziskaner in Wittenberg zählt aufgrund der Initiative der Herzogin Helena zu den frühen Klöstern des Ordens in einer Region, die erst ein Jahrhundert zuvor christianisiert und kolonialisiert worden war. Die Klosterkirche wurde von dem askanischen Geschlecht der sächsischen Herzoge und späteren Kurfürsten in den darauffolgenden knapp 190 Jahren als Familiengrablege genutzt – ähnlich den askanischen Vettern in der Markgrafschaft Brandenburg, die ab 1180 Kloster Lehnin für ihre Dynastie als Grablege errichten ließen. Der gemeinsame Vorfahr der beiden Familien war Albrecht der Bär – er war einer der Protagonisten der Ostkolonisation.

Herzogin Helena, die Gründerin und Stifterin des Klosters in Wittenberg, ist auch das erste Familienmitglied, das 1273 in der Franziskanerklosterkirche bestattet wurde. Ihr Gemahl Albrecht I. indes, der 1261 starb, fand Aufnahme in Kloster Lehnin bei den askanischen brandenburgischen Vettern. Für die Datierung des Klosters und der Kirche markiert Helenas Tod im Jahre 1273 den terminus post quem für die Fertigstellung des Chores der Kirche, denn inmitten des Chores wurde sie zur Ruhe gebettet. Dieser Teil des Gebäudes war demnach der früheste fertiggestellte Bauteil; der Aufbau der Klostergebäude nahmen einige Zeit in Anspruch, erst 1355 fand die Weihe des Klosters statt,

In den auf Albrecht I. folgenden Generationen diente die Kirche den Askaniern als Grablege. Zuletzt fand Herzogin Barbara im Jahre 1435 hier ihren Ruheplatz. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits die Wettiner die Askanier in ihrer Herrschaft in Sachsen abgelöst. Ungefähr 27 Personen wurden bei ersten Ausgrabungen, geleitet von Georg von Hirschfeld und 1883 zum Abschluss gebracht, in situ aufgefunden und teilweise identifiziert. Viele von ihnen wurden dann in die Schlosskirche umgebettet. Direkt vor den Klostermauern war ein Friedhof angelegt, auf dem die verstorbenen Mönchen und auch Stadtbürger beigesetzt wurden.

Die Klosterkirche hat im Verlauf der Jahrhunderte eine abwechslungsreiche Geschichte erfahren. Bedeutende Erweiterungs- und wertvolle Einbauten fanden vor allem in der Regierungszeit Friedrich des Weisen statt. Im Wesentlichen diente dabei das Kloster und einige seiner Insassen als Stiftungsmasse für die 1502 gegründete Universität. Als die Reformation nach 1517 Säkularisierungen nach sich zog, löste sich der Konvent auf, das Kloster kam in den Besitz der Stadt und wurde einer weltlichen Nutzung zugeführt. Noch vor den Bauarbeiten in der Kirche, gelang es dem Reformator Philipp Melanchthon Inschriften von 20 Grabmälern abzuzeichnen und damit deren Existenz ideell für die Nachwelt zu sichern. Im Anschluss daran wurden diese zerstört und als Baumaterial für die Pfeiler im Kirchenraum verwendet. Nur die wertvollsten Epitaphien konnten gerettet werden, indem sie in die Schlosskirche überführt wurden: Es sind dies die Grabdenkmäler des Kurfürsten Rudolf II und seiner Gemahlin sowie der Tochter Elisabeth. Das Kirchengebäude verlor seinen sakralen Charakter, mehrere eingezogene Geschossdecken zerteilten den hohen Kirchenraum - das Gebäude diente fortan als Kornhaus der Stadt im Falle eines Krieges. Auf dem Klostergelände wurde ein Hospital untergebracht, zudem ein Armen-, Waisen- und Arbeitshaus, unter teilweiser Inanspruchnahme der vorhandenen Bausubstanz. 1603 erhielt das Kornhaus eine neue Dachdeckung und wurde von einer schützenden Mauer umgeben. Der Beschuss 1760 schädigte die Gebäudesubstanz nachhaltig. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts wurde auf den alten Grundmauern ein Haus errichtet, das militärischen Zwecken diente - das Zeughaus der Artillerie.

2009 wurden anlässlich von Grabungen in dem Terrain bislang unentdeckt Verstorbene in der Kirche entdeckt. Das Landesamt für Denkmalpflege in Halle führte an den drei Skeletten Untersuchungen durch und entdeckte, dass es die Gebeine des askanischen Herzogs und Kurfürsten Rudolf II. (um 1307 – 1370) waren sowie die seiner Gemahlin Elisabeth und die seiner Tochter Elisabeth. Gestorben waren sie in den Jahren 1353 (Tochter), 1370 (Herzog) und 1373 (Gemahlin).

Dieser Fund zog eine grundsätzliche Planänderung der Nutzung des Areals nach sich. Anstelle einer geplanten Aula im Stadthaus im Rahmen des IBA Projekts „Campus Wittenberg“ 2010 wurde nun am originalen Platz die Klosterkirche in ihrer ehemaligen Kubatur wieder errichtet und als Memorialort und Wissenschaftsraum inszeniert. Die Geschichte des Geschlechts der sächsischen Askanier dokumentiert zugleich den Beginn der Stadtgeschichte und der Landesgeschichte Sachsen - Anhalts. Chronologisch behandelt werden auf Thementafeln die Biographien der askanischen Herzöge von Sachsen, dabei liegt der Fokus auf ihrer Wirkung auf Reichsebene, auf den von ihnen gelegten Grundlagen für das heutige Bundesland Sachsen-Anhalt und ihre Bedeutung für die Stadt Wittenberg. Fotografien und auch Nachbildungen von historisch aussagekräftigen Objekten und Ausgrabungsgegenständen werden inszeniert präsentiert. 8 Herzöge haben in einem Zeitraum von mehr als 240 Jahren die Geschicke des Landes, der Region und der Stadt gelenkt. Die Geschichte beginnt mit Albrecht dem Bären und seinem Sohn Bernard (1180) und endet mit dem letzten männlichen sächsischen Askanier Albrecht III. (1422).

Die Gebäudesanierung und Ausstellungsgestaltung Anfang des 21. Jahrhunderts wurden mithilfe eines EU-Programms mit 5 Mio Euro gefördert (Gemeinschaftsaufgabe – Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur - GRW). Ein Konzept für die Präsentation in den Kirchenräumen erstellte das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Die Raumgestaltung lässt die Atmosphäre der früheren Franziskanerklosterkirche nachempfinden. Den Besuchern wird vor Augen geführt, dass es ohne die Askanier keine Residenz in Wittenberg gäbe und ohne Residenz keine Reformation stattgefunden hätte. Eingeführt in die Thematik wird anhand einer comicartig gestalteten Darstellung in einem illusionär gestalteten Kirchenraum das Leben und Wirken der 8 Herzöge (erarbeitet von Karl-Heinz Steck). Berichtet wird von dem Aufstieg, den Höhepunkt und das Aussterben der Dynastie der sächsischen Askanier. Ihre politische Bedeutung lag darin, dass sie gemäß der Goldenen Bulle, einem maßgeblichen Reichsgesetz (1356) zu den sieben deutschen Kurfürsten zählten, die als Königswähler fungierten.